Impressionen
Oper Stuttgart, Erdbeben. Träume, Foto: A.T. Schaefer

Toshio Hosokawa

Erdbeben. Träume

Erdbeben. Träume

von Toshio Hosokawa | Libretto von Marcel Beyer
in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Altersempfehlung für Schulklassen


Toshio Hosokawa ist einer der bedeutendsten japanischen Komponisten. Seine Musik verbindet asiatische und europäische Traditionen: eine europäische Subjektivität und ein buddhistisch geprägtes Verständnis von Kunst als quasi ich-losem »Weg der Erkenntnis«. Er hat Beiträge zu allen musikalischen Gattungen komponiert, seine besondere Liebe gilt aber der menschlichen Stimme und dem Musiktheater. Im Auftrag der Oper Stuttgart konzipiert er nun eine Oper nach Heinrich von Kleists Novelle Das Erdbeben in Chili aus dem Jahr 1806. Im Ausgang von den Extremsituationen einer Hinrichtung, eines Selbstmordversuches und eines Erdbebens erzählt Kleist eine Parabel auf eine haltlose Menschheit, die die Erde in eine Hölle verwandelt und zugleich das bedrohte Leben weiterträgt. Ein weiteres Thema Hosokawas ist die Verführbarkeit der Massen – ein Aspekt, der ihn zu einer bedeutenden Chorpartie für den Chor inspiriert hat, der bereits neun Mal als »Opernchor des Jahres« (Opernwelt) ausgezeichnet wurde.

Als Librettist konnte der Erzähler, Lyriker, Essayist, Librettist, Kleist-Preisträger des Jahres 2014 und Büchner-Preisträger 2016 Marcel Beyer gewonnen werden. Beyers Sprache ist unerhört präzise und hochmusikalisch zugleich. Mit ihr lotet er in seinen Romanen, Essay- und Gedichtbänden immer wieder neu katastrophische Ereignisse der europäischen Geschichte aus, und zeichnet ihre Verbindungslinien untereinander und zum Heute nach.
Mit dem Staatsopernchor Stuttgart
Themen

NACH(T)GESPRÄCH

Die Regisseure, Dramaturgen, Sänger und Dirigenten der Produktion beantworten Fragen der Zuschauer. Wir freuen uns auf Ihren Einspruch, Zuspruch und Widerspruch!
  • Freitag, 06. Juli 2018
  • Freitag, 13. Juli 2018

EINFÜHRUNG

Eine Einführung zum Stück findet vor jeder Vorstellung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang statt.
Informationen
Opernhaus
Uraufführung
1. Juli 2018
Auftragswerk der Oper Stuttgart mit Unterstützung des Goethe-Instituts Tokio und der Holtzbrinck Publishing Group
Dauer
ca. 2 Std. (ohne Pause)
Besetzung
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Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling, Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Reinhard Traub, Chor und Kinderchor: Christoph Heil

Josephe Asteron: Esther Dierkes, Jeronimo: Dominic Große, Elvire: Sophie Marilley, Fernando Ormez: André Morsch, Constanze: Josefin Feiler, Pedrillo: Torsten Hofmann, Anführer der sadistischen Knaben: Benjamin Williamson, Philipp: Sachiko Hara, Mit: Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart, Knabenchor collegium iuvenum Stuttgart
Bildergalerie
PRESSESTIMMEN

PRESSESTIMMEN

zur Premiere am 01.07.2018
Süddeutsche Zeitung, 03.07.2018
Toshio Hosokawa, das beweist sein gerade in Stuttgart uraufgeführtes Stück ‚Erdbeben. Träume‘, ist der derzeit beste Opernkomponist auf dieser Erde.“

„Hosokawas Chöre deklassieren die wildesten Momente bei Bach und Verdi, die Schlagzeugausbrüche machen jede bekannte Unerbittlichkeit zu einer Harmlosigkeit, die Kantilenen der Sänger sind kondensierte Einsamkeiten, selbst dann noch, wenn sie sich in Duetten treffen.“

„Hosokawa bildet in seiner Musik nicht bloß den Schrecken der Welt ab. Ihm gelingt, was mit Wörtern derzeit unmöglich erscheint, das ultimative Kunststück, diesen Schrecken auch in und durch seine Musik zu bannen.“

„Und für dieses Projekt hängen sich alle an diesem Abend weit über ihre Grenzen hinaus ins Zeug. Allen voran der ebenfalls scheidende Stuttgarter Musikchef Sylvain Cambreling und das auf Wunderkammer gestimmte Hausorchester.“

Anna Viebrocks Bühnenbild überragt als Wohlstandsruine den Orchestergraben. Es ist ein Bühnenbild gewordener Abschied. Ganz ohne Wehmut, aber mit dem Versprechen auf eine andere, bessere Zukunft, obwohl die hier nicht einmal in Umrissen erahnbar ist.“

„Und dann ist da die Pantomimin Sachiko Hara. Ihr Gesicht ist mal das eines neugierigen, mal das eines verängstigten Kindes. Mal uralte Frau, mal Kobold, mal die leibhaftige Trauer. Sachiko Hara hat Hosokawas Musik ganz in sich aufgesogen und lässt sie Körper werden: verletzlich zart, aber von ungeheurem Lebenswillen. Und dann die wunderbaren Sänger, Esther Dierkes, Sophie Marilley, Josefin Feiler, Dominic Große, André Morsch, Torsten Hofmann, Benjamin Williamson und die Chöre. Sie alle singen und spielen nicht nur, sie sind Theaterwunderfiguren.“

„Hier mordet die Musik“ von Reinhard Brembeck
Stuttgarter Zeitung, 03.07.2018
„Fünfmal noch steht die Oper ‚Erdbeben. Träume‘ bis zum Saisonende auf dem Spielplan. Fünfmal ergäben sich andere Seh- und Hörweisen, besuchte man alle Vorstellungen.“

Wieler und Morabito hinterlassen weniger eine Analyse als einen Auftrag, den sie schon öfter formuliert haben, doch noch nie in dieser Deutlichkeit. Bei aller Kunstfertigkeit, was das Konstituieren von Träumen angeht, liegt das Augenmerk mehr auf dem, was ein Erdbeben jenseits der japanischen Metaphorik meint: Die Welt wackelt, und die so genannten „sadistischen Knaben“ stiefeln hier nicht von ungefähr so wüst durch die Gegend. Wir lächeln nicht nur, wir lachen neuerdings, wenn wir über Leichen gehen. Nach uns: die Sintflut.“

„Die Welt wackelt“ von Mirko Weber
Stuttgarter Nachrichten, 03.07.2018
„Überall in seiner Sprache spielt der Librettist Marcel Beyer virtuos mit Metaphern des Schreckens.“

„[Toshio Hosokawas Musik] erzeugt den Schrecken emotional, in der Seele des Hörers, am eindringlichsten vielleicht im Orchestermonolog ‚Erdbeben. Tsunami‘, den die Regie kongenial mit einem Auf- und Abschaukeln der Bühne in Zeitlupe unterstützt. Man meint, das ganze Opernhaus würde ins Schwanken geraten.“

Wieler und Morabito zeigen in ihrer letzten Regiearbeit noch einmal ihre herausragenden Qualitäten, was Personenführung und psychologische Ausleuchtung der Figuren anbelangt. Die Sänger erfüllen ihre Rollen vokal wie darstellerisch mit Bravour: Esther Dierkes als geschwängerte Josephe, Dominic Große als ihr Liebhaber Jeronimo, Sophie Marilley als Elvire, am Ende überlebend wie ihr Gatte Fernando, den André Morsch großartig singt. Josefin Feiler verausgabt sich als Constanze mit Haut und Haaren, Torsten Hofmann verleiht dem Demagogen Pedrillo sängerische Kontur, dazu bringt Sylvain Cambreling mit dem Staatsorchester Hosokawas perkussionslastige Musik in ihrer ganzen schneidenden Dringlichkeit zum Ausdruck.“

„Eine Welt in Trümmern“ von Frank Armbruster
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2018
„[Marcel Beyers Libretto] ist - knapp, präzise, suggestiv in seiner Sprache - zwar kein eigentliches Drama, sondern eher die lyrische Verdichtung einer Trauma-Erfahrung ohne allzu zwingende Verteilung des Textes auf die Figuren. Aber dieses Libretto nimmt die Vorstellung einer Lebenskräftigung durch den Dialog mit den Toten, also der Heilung von Grundlosigkeitsängsten durch die Berührung mit der Vorgängergeneration wunderschön und hochsensibel auf.“

Esther Dierkes als Josephe und Dominic Große als Jeronimo singen mit weltvergessener Zärtlichkeit von ihrer Liebe. Sophie Marilley als Elvire und André Morsch als Fernando finden für ihr schmerzgegerbtes Leben, das sich Barmherzigkeit erarbeitet hat, einen warmen, berührenden Ton. Benjamin Williamson ist mit schneidigem Countertenor ein grausiger ‚Anführer der sadistischen Knaben‘.“

„Heilende Traumzeit“ von Jan Brachmann
Bayerischer Rundfunk, 02.07.2018
„Die Mitwirkenden, allen voran Esther Dierkes und Dominic Große, warfen sich regelrecht in diese Produktion, durchweg glaubwürdig, ernsthaft, buchstäblich engagiert bis zum Umfallen. Der Applaus war groß, das hat in Stuttgart auch bei Uraufführungen Tradition.“

„Tsunami der Gefühle: Kleist-Oper ‚Erdbeben. Träume‘ in Stuttgart“ von Peter Jungblut
KlassikInfo, 01.07.2018
„[Hosokawas] neue Oper [beginnt] mit unmittelbar berührender, fein schillernder und doch magisch monochromer Traum-Musik […].“

„In große Streicher-Flächen und -Glissandi webt Hosokawa oft kaum merklich aufscheinende kleine melodische Wendungen, macht den Klang da für Momente ganz menschlich und verletzlich, aber auch betörend schön.“

„Dennoch ist Hauptakteur des Abends das phänomenal „sprechende“ Orchester. Und man möchte immer wieder die Augen schließen, um sich ganz auf die Differenziertheit konzentrieren zu können, mit der Sylvain Cambreling und das Staatsorchester Stuttgart alle Feinheiten der Partitur auffächern und mal intensiv, mal intim pastellfarben leuchten lassen.“

„Uraufführung von Toshio Hosokawas Kleist-Oper in Stuttgart“ von Klaus Kalchschmid
Deutschlandfunk Kultur "Fazit", 01.07.2018
Hosokawas Musik skizziert eine Welt, in der Leben, menschliches Sein, nicht mehr möglich scheint. Mit fahlen Klänge, als geistere aus den Streichinstrumenten giftiger Windhauch, beginnt und endet die Oper – eine Endzeitvision.“

„Bedrückendes Bild einer brutalen Gesellschaft“ von Rainer Zerbst
Bachtrack, 02.07.2018
„Diese Unmenschlichkeit hat Anna Viebrock in einem beeindruckenden Bühnenbild realisiert – einer Betonneubauruine, die einziger Spielplatz aller Akteure ist, und den Akteuren gewährt Hosokawa weiten Spielraum, sprich dem Chor, der die feindselige Masse verkörpert. Schon zu Beginn kündet er pianissimo aus dem unsichtbaren Dunkel von einer unwirtlich gewordenen Welt, um dann unter der Anleitung der eifernden Demagogen zu gewaltiger Hasslautstärke anzuschwellen. Wie stets meistert der Stuttgarter Chor, der 2017 wieder einmal von Kritikern zum Chor des Jahres gekürt wurde, diese Herausforderung klangschön und ausdrucksstark.“

Beyer hat das alles in seinem Libretto nicht erzählt, sondern Situationen beschrieben, Atmosphären in gelegentlich expressionistisch aufgeladener Sprache, und die hat Hosokawa kongenial in Töne gefasst. Er schildert […] ein Gefühl der Bedrohung, des Nichts, des Endes. Sylvain Cambreling realisiert das mit dem Staatsorchester in jedem Takt fulminant nachvollziehend für den Hörer.“

„Die Handlungselemente, die das Geschehen nachvollziehbar machen, liefert die Regie, der ein Spagat zwischen assoziativen Andeutungen und fast realistischer Handlung gelingt.“

„Apokalypse aus dem Orchestergraben: Toshio Hosokawas neue Oper ‚Erdbeben. Träume‘“ von Rainer Zerbst
Esslinger Zeitung, 03.07.2018
„Namentlich die Chor-Regie erscheint wie eine Quintessenz früherer einschlägiger Arbeiten des Duos [Wieler/Morabito]: eine präzise Betrachtung der Masse als Macht und Ohnmacht zugleich, lockend im Überschwang der Verbrüderung, verheerend als verführungsbereite Ressentimentgemeinschaft.“

Hosokawa schrieb letztlich ein fulminantes Orchesterdrama, in dessen Sog die solistischen Vokalstimmen gezogen werden – Esther Dierkes’ magdalenenhafte, mild timbrierte Josephe ebenso wie Dominic Großes sensibler Jeronimo und die Elvire Sophie Marilleys mit ihrem überragend intensiven Mezzo.“

Sylvain Cambreling […] dirigiert Hosokawas Musik mit äußerster Konzentration in den Verästelungen des Leisen, der subtilen Klangrecherche, dem Nachspüren des untergründigen Bebens: wahrhaft seismographisch und zugleich hoch sinnlich, bis in die feinste Faser gespannt, aber auch akzentuiert und dynamisch in den anschwellenden Erdgesängen. Das Staatsorchester beweist hörbare Exzellenz, der von Christoph Heil einstudierte Opernchor samt Kinderchor gibt Feinheit wie Rohheit grandioses Stimmformat.“

„Die Verschiebung der Welt“ von Martin Mezger
Ludwigsburger Kreiszeitung, 03.07.2018
„Die Uraufführung [von Hosokawas] Oper ‚Erdbeben. Träume‘ am Sonntag im Stuttgarter Opernhaus wurde mit starkem Beifall aufgenommen, das Publikum zeigte sich beeindruckt.“

Zu Marcel Beyers Libretto: „Dramaturgisch ist das, aus den Motiven der Kleist-Novelle abgeleitet, in starken Bildern abgehandelt, die vor allem von der atmosphärisch ungeheuer farbigen, anschaulich klangdifferenzierten Musik Hosokawas getragen werden.“

Sylvain Cambreling dirigiert die neue Oper von Toshio Hosokawa, von dem er schon einige Werke uraufgeführt hat, höchst eindrucksvoll.“

„Gesänge über dem Totenfeld“ von Dietholf Zerweck
Südwest Presse, 03.07.2018
„Kein Jubelstück zum Abschied, eher ein Requiem. Auf jeden Fall ein Zeitstück mit einer bitteren Diagnose: Dem Menschen genügen keine Naturkatastrophen für die Apokalypse, er selbst ist die noch größere Gefahr. Das zeigen Wieler/Morabito im Bühnenbild von Anna Viebrock selbstverständlich nicht plakativ oder banal politisierend, sondern ästhetisiert in einer szenischen Distanz, die Räume schafft für die Reflexion und für die Musik.“

Sylvain Cambreling, auch er verlässt Stuttgart nach dieser Saison, dirigierte am Vorabend seines 70. Geburtstags mit der Souveränität und Perfektion, die Neue Musik erst so faszinierend macht: eine großartige Uraufführung des Staatsorchesters. Vortrefflich auch das Ensemble um Esther Dierkes (Josephe) und Dominic Große (Jeronimo).“

„Auch deshalb erschüttert diese Oper: Weil die Katastrophe am Beispiel eines tief in der Seele verletzten Kindes ins Bewusstsein dringt. Philipp weiß, wer die fremden, stillen Toten sind, die so gegenwärtig atmen.“

„Erschütterte Welt“ von Jürgen Kanold
HANDLUNG

HANDLUNG

Toshio Hosokawa und Marcel Beyer
ERDBEBEN. TRÄUME
nach Heinrich von Kleists Erzählung Das Erdbeben von Chili

KLEISTS ERZÄHLUNG
Kleists Erzählung (1806) bezieht sich auf das historische Erdbeben von 1647 in Santiago de Chile. Jeronimo und Josephe verbindet eine Standesgrenzen überschreitende verbotene Liebe. Nachdem die ins Kloster gesperrte Josephe bei einer Fronleichnams-Prozession ihr gemeinsames Kind zur Welt gebracht hat, wird sie zum Tode verurteilt. Aus Verzweiflung will sich Jeronimo in seinem Gefängnis gerade erhängen, als das verheerende Erdbeben einsetzt. Mit knapper Not rettet er sich aus dem einstürzenden Gefängnis und flieht aus der Stadt. Nach langer Suche begegnet er in einem Tal Josephe wieder, die sich und ihr Baby, den kleinen Philipp, ebenfalls retten konnte. Die Familie verbringt eine glückliche Nacht unter einem Granatapfelbaum. Am nächsten Tag bittet Fernando, dessen schwer verletzte Ehefrau Elvire ihren Sohn Juan nicht säugen kann, Josephe ihre Brust auch dem kleinen Juan zu reichen. Jeronimo, Josephe und Philipp, die am Vortag noch geächtet waren, werden von allen mit größter Achtung behandelt. Josephe kann sich den Sinneswandel nicht erklären: Bei allen Überlebenden hat die Katastrophe Taten und Gesten heroischer Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft und Anteilnahme ausgelöst. Man beschließt, sich in der einzigen nicht zerstörten Kirche zu versammeln, um Gott um Beistand anzuflehen. Stimmen, welche das Liebespaar vor der Teilnahme an dieser Kundgebung warnen, werden in der Euphorie beiseitegeschoben: Josephe begibt sich an der Seite Fernandos, Jeronimo an der Seite von Fernandos Schwägerin Constanze zur Dominikanerkirche; die beiden Säuglinge nehmen sie mit, während die verletzte Elvire zurückgelassen wird. In der Kirche geißelt der Priester in seiner Predigt die Sittenlosigkeit der Stadt, bezeichnet das Erdbeben als Strafgericht Gottes und überantwortet die angeblich Schuldigen Jeronimo und Josephe „allen Fürsten der Hölle“. Alle Versuche der beiden Paare, ihre Identität nicht preiszugeben, scheitern: Jeronimo und Josephe werden von der aufgebrachten, vom Schuster Pedrillo angeführten Volksmenge erschlagen, nachdem bereits Constanze mit Josephe verwechselt und gelyncht wurde. Der Mob gibt erst Ruhe, als Pedrillo Fernando einen der beiden Säuglinge entrissen und an einem Kirchenpfeiler zerschmettert hat. Fernando und Elvire beschließen, anstelle des ermordeten Juan das überlebende fremde Kind Philipp zu adoptieren.

DAS GESCHEHEN DER OPER
Stumme Hauptperson der Oper ist der herangewachsene ca. 8 Jahre alte Philipp. In Szene 1 konfrontieren Elvire und Fernando ihren Adoptivsohn mit der Tatsache, dass sie nicht seine leiblichen Eltern sind. Die Geschichte seiner Herkunft und seiner Eltern wird als Rückblende entfaltet. Weder die Rahmenhandlung noch die erinnerte Geschichte sind realistisch geschildert, sondern – wie der Titel der Oper andeutet – als Traumsequenz. Marcel Beyer hat das Geschehen aus seinen historischen Kontexten (spanischer Katholizismus, Ständeordnung) gelöst und verwendet eine lyrisch verdichtete zeitgenössische Sprache. Als solistische Rollen behält er von Kleist das Liebes- und das Ehepaar, die Schwägerin Constanze sowie Pedrillo bei, stellt ihnen das Kollektiv der Bevölkerung als Chor gegenüber, und ergänzt das Personal um den Anführer einer Bande „sadistischer Knaben“, die vom Kinderchor dargestellt wird. Alle diese Figuren, auch die, die bei Kleist erst nach dem Beben auftauchen, werden bereits vorher in Alltagssituationen gezeigt.

So imaginiert der Junge in Szene 2, wie sich sein Vater Jeronimo und seine Mutter Josephe ihre Liebe gestehen,

in Szene 3, wie die sadistischen Knaben mit ihrem Anführer dem Paar hinterherspionieren,

in Szene 4, wie Elvire und Fernando als junge Eheleute mit dem Neugeborenen Juan im Kinderwagen das tumultartige Geschehen um die unerwartete Niederkunft Josephes auf einem Volksfest beobachten,

in Szene 5, wie Constanze als pubertierende Jugendliche die Festnahme und die Trennung der Eltern von dem Kind ebenfalls verfolgt,

in Szene 6 wie Pedrillo als überforderter Polizeibeamter die Ordnung aufrechtzuerhalten versucht, während dem gefesselten Jeronimo die Möglichkeit zum Selbstmord genommen ist.

Drei Orchestermonologe zählen als je eigene Szenen: Szene 7 ist der erste Orchestermonolog Beben Tsunami.

Szene 8 spiegelt die Naturkatastrophe in den Augen Josephes und der Bevölkerung.

Szene 9 schildert die unverhoffte Wiederbegegnung Jeronimos, Josephes und des kleinen Philipp im Granatapfelhain.

Ein Orchesterintermezzo beschreibt den Tagesanbruch nach der Katastrophe.

In den Szenen 10 und 11 kommt es zur freundschaftlichen Annäherung des Liebes- und des Ehepaares: Josephe legt das fremde Kind, den kleinen Juan, an ihre Brust. Entgegen Elvires Warnung schließen sich Fernando, Josephe, Jeronimo und Constanze dem Zug des Volkes an.

Szene 12, der zweite Orchestermonolog, ist mit Leben überschrieben.

Die Szenen 13, 14 und 15 zeigen die kollektive Suche nach einem Schuldigen an der Naturkatastrophe, die Agitation Pedrillos und den Mord an Jeronimo, Constanze, Josephe und einem der beiden Säuglinge.

Nach Szene 16 (dritter Orchestermonolog Sterben) führt uns die Szene 17 wieder in die Gegenwart des achtjährigen Philipp und seiner Adoptiveltern zurück.

In Szene 18 hört Philipp seine leiblichen Eltern Jeronimo und Josephe als Geisterstimmen.
TRAILER

TRAILER ZUR PREMIERE 2017/18


© Video: Tobias Dusche | Foto: A.T. Schaefer, 2018